AlexandrosDerveron



Regen. In einer verlassenen Seitengasse stehen zwei Gestalten dicht gedrängt beieinander, einer von ihnen hält einen schlichten, schwarzen Schirm. Ihr Gespräch ist von Weitem nicht zu hören, aber es ist deutlich sichtbar, dass sie heftig diskutieren. Die Person mit dem Schirm scheint verärgert zu sein, die andere Person hingegen vollkommen ruhig und beinahe etwas amüsiert. Beim Näherkommen werden erste Gesprächsfetzen hörbar.

„... 50 Riesen...“
„... wenig... beseitigen... Auslagen zu bezahlen...“


Von den einzelnen Worten her ist nicht einzuschätzen, worum es bei dem Gespräch geht. Dafür sind die beiden Personen besser erkennbar. Beide tragen sie Anzüge, auch wenn ein deutlicher Unterschied zwischen ihnen zu erkennen ist. Beides sind Männer, der ohne Schirm hat eine Hand in der Tasche seines Jacketts vergraben, in der anderen hält er eine glimmende Zigarette. Obwohl er gepflegt erscheint, wirkt er nicht wie ein Geschäftsmann. Für einen kurzen Augenblick wendet er sein Gesicht in Richtung des Beobachters und zieht an der Zigarette. Diese Augen. Alles in seiner Mimik deutet darauf hin, dass er den Beobachter entdeckt hat und ihm allein mit dem Blick bereits droht. Sein Bart ist sorgfältig ausrasiert und gepflegt, die Wangen sind leicht eingefallen und die Lippen schmal, fast etwas verkniffen. Er hat etwas lauerndes an sich.
Beim weiteren Näherkommen werden die Stimmen deutlicher und übertönen den strömenden Regen. Der Mann mit dem Schirm – er trägt ebenfalls einen Anzug, jedoch einen eleganteren und besser geschnittenen – wirkt tatsächlich verärgert und gleichermaßen eingeschüchtert oder doch eher nervös. Der andere Mann dagegen sieht amüsiert aus. Obwohl er nicht aussieht, als würde er über dem Mann mit dem Schirm stehen, strahlt er eine gewisse Autorität aus. Es ist spürbar, dass seine Ruhe nicht echt ist, dahinter verbirgt sich vielmehr eine bedrohliche Haltung, die er sein Gegenüber deutlich spüren lässt.


„Es waren 50 Riesen abgemacht!“
„Stimmt. Aber die Angelegenheit macht verdammt viel Arbeit, also stimmt unsere Abmachung nicht mehr.“
„Wie viel wollen Sie?“
„100 Riesen sollten vollkommen in Ordnung sein. Soll die Sache nur erledigt werden oder lieber gut erledigt werden?“
„Natürlich sollen Sie die Sache gut erledigen, Mann.“
„Na also. Und wenn ich meine Sache gut machen soll, brauche ich Geld. Das werden Sie doch verstehen. Wir sind beide Geschäftsmänner...“
„Ich habe nichts mit Ihren Geschäften zu tun!“
„Dann leide ich wohl unter Halluzinationen in genau diesem Augenblick. Sie sollten Ihre Haltung überdenken.“
„Lassen Sie das, Mann. 100 Riesen und Sie lassen mich in Zukunft in Ruhe. Ich will nicht unnötig auffallen, indem ich mich hier herumtreibe.“
„Bezahlen Sie mich und alles andere ist meine Sache. Wir haben geklärt, wie alles abläuft, also verschwinden Sie schon. Sie werden erfahren, wenn die Sache gelaufen ist.“
„Hoffentlich sehen wir uns nie wieder...“


Der Mann mit dem Schirm dreht sich in die andere Richtung und verschwindet. An seiner gesamten Haltung ist zu sehen, dass er nicht in diese Gegend gehört und sich hier auch nicht wohlfühlt. Mehrfach sieht er sich um auf seinem Weg aus der Seitengasse, bevor er sich nach rechts wendet und irgendwann hinter dem Regenvorhang nicht mehr erkennbar ist. In der Ferne leuchten zwei rote Lichter auf und der Motor eines Wagens ist schwach zu hören.
Zur gleichen Zeit bleibt der andere Mann in der Gasse stehen und raucht seine Zigarette in aller Ruhe auf. Der Regen scheint ihn kein Stück zu stören und seine Lippen verziehen sich zu einem zufriedenen Lächeln. Schließlich wirft er die Zigarette durch einen Gullideckel und dreht sich wieder zu seinem heimlichen Beobachter um, um mit ruhigen, gemessenen Schritten näherzukommen. Das Wasser tropft aus seinen langen Dreadlocks auf seinen Rücken, doch er scheint gar nicht darauf zu reagieren. Stattdessen streckt er einen Arm aus und zieht seinen Beobachter aus dem Versteck hervor – für seine zierliche Figur ist er stärker, als der Beobachter es erwartet. Das erste Mal ist die Stimme deutlich hörbar: unfreundlich, vom vielen Rauchen geschädigt und eindeutig mit einem ausländischen Akzent versetzt. Russisch oder Griechisch vielleicht.


„Macht's dir Spaß, andere Leute zu beobachten, Wichser? Ich kann Spanner nicht leiden und ich kenn jemanden, der sich verdammt gern mit dir unterhalten würde. Na los, beweg deinen Arsch und denk nichtmal dran, jetzt um Hilfe zu schreien. Hier werden MIR mehr Leute helfen als DIR...“




Eine verwahrloste Wohnung in einer Großstadt. Durch die dreckigen Fensterscheiben fällt gelblich-braunes Licht, das den ganzen Raum in eine ungesunde Farbe taucht. Der Raum sieht aus wie ein Hort von Krankheiten und Elend und nicht mehr danach, als würde hier noch jemand leben. Eine Nische beherbergt eine kleine Küche mit Schränken, von denen die Farbe bereits abblättert.

Dahinter führen zwei Türen in benachbarte Räume. Beide Türen stehen offen: die erste ist nur einen Spalt weit offen und bietet die Aussicht auf eine geflieste Wand, in deren Fugen sich der Schmutz von Jahrzehnten abgelagert haben muss, die zweite Tür dagegen ist weit geöffnet und zeigt einen Raum, der mit fünf Betten gefüllt ist. Eines ist ein altes Ehebett, die anderen offensichtlich Kinderbetten, die jemand schon einmal entsorgt hat. Ein Bett besteht sogar nur aus einer Matratze mit Kissen und einer Decke darauf. Das Zimmer ist dunkel und hat kein eigenes Fenster, nur das gelblich-braune Licht von dem verdreckten Fenster fällt durch die Tür.
Der Wohnraum stellt eine Mischung aus einem Schlafzimmer und einem Esszimmer dar. Einige Schritte von der Wohnungstür entfernt steht ein Tisch mit einigen Tellern, um ihn herum wenig vertrauenerweckende Stühle. Dahinter steht ein weiteres Ehebett. Eine Frau mittleren Alters wendet sich endlich dem Besucher zu, nachdem sie darin vertieft war, Notizen in eines kleines Heft zu schreiben. Ihr Gesicht zeigt Verzweiflung, aber auch eine gewisse Resignation.


„Thanasis, was machst du hier?“
„Nach deiner Familie sehen, was sonst?“
„Gregorios ist nicht hier...“
„Das sehe ich selbst. Wo sind deine Kinder?“
„Ich weiß es nicht...“


Für einen Augenblick herrscht betretenes Schweigen zwischen den beiden Personen. Die Frau wirkt mit einem Mal beunruhigt und sieht den Mann beinahe flehend an. In der Stille wird ein Geräusch hörbar, das aus dem Wandschrank neben dem Ehebett zu kommen scheint. Die Unruhe der Frau nimmt noch zu, sie hält den Stift in ihrer rechten Hand so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortreten.

„Habt ihr wieder Ratten?“
„Ja...“
„Eine Landplage, nicht wahr?“
„Ja...“
„Ich kümmere mich darum.“
„Nicht nötig...“


Der Mann, sehr hochgewachsen und sehr kräftig, betrachtet die Frau eingehend. Er ist jünger als sie, strahlt jedoch eine Selbstsicherheit und Autorität aus, die jeden dazu veranlassen, sich vor ihm zu ducken. Für einen Augenblick zieht er die Brauen missbilligend zusammen und geht schließlich zu dem Wandschrank, um eine Tür davon zu öffnen. Gleich zwei Schreckenslaute folgen. Die Frau kauert sich auf dem Bett zusammen und ist nicht mehr nur unruhig, sondern panisch. Im Schrank duckt sich ein Kind in den Schatten und versucht sich zwischen den Kartons auf dem Boden zu verstecken. Wieder sieht der Mann die Frau missbilligend, beinahe schon strafend an und streckt einen Arm nach dem Kind aus.
Das Kind, ein Junge von acht oder neun Jahren möglicherweise, sieht zu ihm auf und zögert. Die roten Augen zeugen davon, dass er geweint hat, blaue Flecken davon, dass er geschlagen wurde. Geduldig wartet der Mann und hält dem Jungen einfach nur seine Hand hin, damit er aus dem Schrank kommt. Nur zögernd streckt sich ein dünner Arm mit einer zierlichen Hand aus dem Schatten hervor und greift nach der sehr viel größeren Hand. Der Mann zieht den Jungen beinahe behutsam aus seinem Versteck hervor und nimmt ihn ohne große Mühe auf den Arm.


„Das nennst du also Ratten.“
„Ich... wusste nicht, dass er da eingesperrt ist.“
„Erzähl mir nichts.“
„Ehrlich... ich wusste es nicht, Thanasis!“
„Wann hat Gregorios ihn dort drin eingesperrt? Sag es mir, Chara.“


Die Frau, Chara, kauert sich weiter auf dem Bett zusammen und bricht in Tränen aus. Sie stammelt den Mann auf Griechisch um Verzeihung an und faltet ihre Hände in einer bittenden Geste. Thanasis hält den Jungen weiterhin auf dem Arm und sieht auf sie herab. Die Reaktionen seiner Mutter verstören den Jungen nur noch mehr und er beginnt still zu weinen, schluchzt immer wieder leise auf.

„Wann hat Gregorios ihn eingesperrt?“
„Er hat gesagt, der Junge hat seine Strafe verdient und hat mir verboten, ihn herauszulassen.“
„Wann hat er ihn eingesperrt?“
„Er hat mir angedroht, mich zu verprügeln, wenn ich Alexandros wieder herauslasse. Er hat gesagt, er ist bald wieder da und holt den Jungen selbst wieder aus dem Schrank, wenn er seine Lektion gelernt hat.“
„Wann hat er ihn eingesperrt?“
„Er war betrunken und hat mit den Fäusten auf ihn eingeschlagen. Wenn Alexandros nicht mehr da ist, wird er das Gleiche mit mir machen!“

„Jetzt sag mir endlich, wann er ihn eingesperrt hat!“


Mit jedem weiteren Mal, dass Thanasis seine Frage wiederholen muss, wird er ungeduldiger. Das Weinen von Chara beeindruckt ihn nicht und er hält den Jungen weiterhin fest ein seinen Armen. Schließlich verliert er die Geduld und wird lauter. Die Frau gibt einen leisen Aufschrei von sich und rutscht ein Stück weg von ihm. Kein einziges Mal sieht sie zu dem Jungen auf, der eindeutig ihr Sohn ist, sondern starrt nur Thanasis an. Am Ende verstummt sie vollkommen und beherrscht sich. Das Licht im Zimmer wird schwächer, als die Sonne hinter den Häusern auf der anderen Straßenseite verschwindet.


„Heute morgen...“




Eine nebelverhangene Nacht. Das Licht der Straßenlaternen hebt sich nur fahl gegen den dichten weißen Schleier ab, der zwei Gestalten verbirgt. Beide gehen schweigend nebeneinander her und sind normal gekleidet. Das einzig auffällige an ihnen ist, dass sie mitten in der Nacht durch ein Wohnviertel gehen und sehr offensichtlich nach einem bestimmten Haus suchen. Vor einem Block bleiben sie stehen und scheinen sich still zu beraten, bevor sie das Haus betreten.
Schweigend gehen sie durch den Hausflur und bleiben vor einer Namenstafel stehen. Die Personen, beides Männer, suchen einen Namen auf der Tafel heraus und setzen sich wieder in Bewegung. Auffällig ist, wie lautlos sie sich beide bewegen, gerade so, als wollten sie nicht gehört werden. Es ist mitten in der Nacht und in dem Haus herrscht vollkommene Ruhe. Nicht einmal ein Fernseher oder ein Radio sind aus einer der Wohnungen zu hören, einzig und allein die gedämpften Schritte der beiden Männer stören die Stille. Selbst in dem schwachen Licht, das von draußen hereinfällt, ist zu erkennen, dass einer der Männer von normaler Statur ist, während der andere beinahe dürr ist.
Vor einer Wohnungstür bleiben die Männer stehen. Der schlankere von ihnen wartet und sieht sich gelegentlich um, während der kräftigere ein schmales Werkzeug aus seiner Jackentasche zieht und sich am Schloss der Tür zu schaffen macht. Erst sind nur leise, schabende Geräusche hörbar, dann folgt ein Klicken und der Mann öffnet die Wohnungstür. Sie betreten die Wohnung und sehen sich wieder um.
Im blassen Licht der Straßenlampen und des Halbmondes wird sichtbar, dass ein deutlicher Altersunterschied zwischen den beiden Männern herrscht. Der Kräftigere von ihnen ist älter als der andere und übernimmt auch in der Wohnung wieder die Führung. Vorsichtig schleichen sie durch den Flur und öffnen die erste Tür. Ein Blick in den Raum dahinter verrät, dass es sich nur um das Badezimmer handelt. Sie gehen weiter zum nächsten Raum, um auch dort die Tür zu öffnen und hineinzugehen. Zwei Gästebetten und zwei provisorische Betten befinden sich in dem Raum, darin vier Männer unterschiedlichen Alters.


„Sind sie das?“
„Ich denk schon.“
„Dann tob dich aus.“
„... allein?“
„Als ob du dafür Hilfe brauchst. Los.“




Die beiden Männer unterhalten sich mit einem kaum hörbaren Flüstern und der Jüngere zögert sichtlich, etwas zu tun. Schließlich zieht er etwas aus seiner Jackentasche, das kurz im Licht aufblitzt und dann nur noch matt schimmert. Ein schmales Lächeln zeichnet sich auf dem Gesicht des jüngeren Mannes ab, als er sich in Bewegung setzt und sich über den ersten Schläfer beugt. Beinahe zärtlich legt er ihm die Hand auf den Mund – er trägt Handschuhe – und sticht mit dem Gegenstand zu. Der Schläfer reißt entsetzt die Augen auf und windet sich im Bett, um den unbekannten Angreifer abzuschütteln. Noch einmal sticht der Mann mit der Waffe zu und der Körper des Schläfers erschlafft.
So ruhig und leise, als würde er nur den Schlaf der Männer überwachen, geht der Mörder zum nächsten Bett weiter. Wieder legt er dem Schläfer darin eine Hand auf den Mund und sticht zu. Dieses Mal ist er selbstsicherer und nur kurz bäumt sich der Körper unter ihm auf, bevor er wieder so ruhig wie zuvor im Bett liegt. Erst beim dritten Schläfer scheint der Mörder Schwierigkeiten zu haben. Der Mann ergreift seinen Arm und versucht den Angreifer gewaltsam loszuwerden.
Die Geräusche im Raum werden lauter und der letzte schlafende Mann rührt sich. Erst jetzt greift der zweite Eindringling ein, der ältere Mann, und kümmert sich um den jetzt erwachten Schläfer. Währenddessen holt der Andere mit seiner Waffe aus und rammt sie seinem wehrhaften Opfer regelrecht in den Hals. Die Gegenwehr seines Opfers nimmt noch einmal zu, bevor sie schließlich endet und er – wie die anderen drei Männer in ihren Betten – wieder ruhig daliegt.


„Lass dich nicht aus der Fassung bringen, Alexandros.“
„Schon gut.“
„Sei vorsichtiger beim nächsten Mal.“
„Schon gut, Stylianos. Ich pass auf.“


Die Männer verlassen das Gästezimmer wieder und bewegen sich still durch die Wohnung. Vom offenen Wohnzimmer aus finden sie eine weitere Tür und betreten den Raum dahinter. In einem Ehebett liegt ein Paar, beide wohl schon über 50. Der ältere Mann, Stylianos, wartet an der Tür, während der Jüngere zuerst zur Bettseite des Mannes geht. Für einen Augenblick zögert er und beobachtet den Schlafenden mit einer Mischung aus Neugier und Abscheu. Von Erkennen kann keine Rede sein. Schließlich gibt er einen Laut von sich, der all seinen Ekel und die Abscheu in sich vereint, dann beugt er sich über den Mann und legt ihm ebenfalls die Hand auf den Mund.
Der Schlafende rührt sich kein Stück, nur ein leises Schnaufen ist von ihm zu hören, als Alexandros ihn auf den Rücken dreht. Erst als die Waffe seinen Hals durchbohrt, beginnt der Schlafende zu röcheln und sich zu winden. Alexandros hält weiterhin die Hand über seinen Mund und gibt der Waffe einen weiteren Ruck, der den Körper des Mannes schließlich erschlaffen lässt.
An der Tür wartet weiterhin Stylianos und beobachtet den jüngeren Mann, wie er um das Bett herum geht und sich über die schlafende Frau beugt. Trotz der heftigen Bewegungen ihres Mannes schläft sie weiter, sodass Alexandros sie genauer beobachten kann. Zwischen ihnen besteht eine gewisse Ähnlichkeit, sie wirken wie Verwandte und dennoch zeigt der Mann keinerlei Regung, die diesen Gedanken unterstützt. Er sieht die Frau unter sich geradezu strafend an und zieht die Brauen zusammen. Auch ihr hält er den Mund zu, doch im Gegensatz zu den anderen weckt er sie mit einem sanften Rütteln an der Schulter. Erst blinzelt sie verschlafen, dann fällt ihr Blick auf ihren Mann, der verblutend neben ihr liegt. Alexandros lächelt und rammt ihr das Messer in den Hals.


„Fahr zur Hölle, Mum.“




Name:
Alexandros Spiros Derveron


Geburtsdatum:
11.08.1979


Alter:
30


Körpergröße:
183 cm


Augenfarbe:
Schwarz, leichter Rotstich bei Lichteinfall


Haarfarbe:
Schwarz


Gewicht:
meist unter 70 kg


Nationalität:
keine


Herkunft:
Mutter Griechin, Vater Russe


Rasse:
Dämon




San Francisco. Ein dunkel gekleideter Mann steht vor einem Coffeeshop, eine Zigarette in den Mundwinkeln. Er zögert. Eine seiner bleichen Hände wandert in die Jackentasche und kurz darauf zieht er einige zerknüllte, nasse Dollar hervor. Offensichtlich denkt der Mann nach, was er tun soll, als er von einem Fremden angerempelt wird. So wie er sich verhält, könnte der Dunkelhaarige ein Drogensüchtiger sein, auf der Suche nach dem nächsten Schuss – er beachtet den Fremden nicht einmal und geht schließlich in den bereits vollen Coffeeshop hinein. Unter all den Menschen fällt er auf, als ob er ein Stigma auf der Stirn tragen würde, das ihn zu einem Ausgestoßenen macht. Zielsicher bewegt sich der Mann auf einen abgelegenen Platz zu, an dem er die Tür im Blick hat und dennoch nicht so bald mit einer Kellnerin rechnen muss.
Nur wenige Momente später betritt der Fremde den Coffeeshop. Er fällt nicht auf: ordentlich gekleidet, die dunkelblonden Haare sind kurz geschoren, sein Gesicht ziert ein schmales, aber doch sichtbares Lächeln. So wie er hereinkommt und sich gegenüber des Dunkelhaarigen hinsetzt, strahlt er eine Selbstsicherheit aus, die ihresgleichen sucht. So, wie die beiden Männer zusammen an einem Tisch sitzen, wirken sie auf einen Beobachter als würden sie sich kennen. Der Fremde starrt den Dunkelhaarigen so eindringlich an, dass es beinahe wirkt, als würde er direkt in dessen Seele blicken. Der Andere verengt die Augen und scheint mit einem Mal zu lauern. Er ist angespannt, auch wenn seine Haltung trotz allem noch Desinteresse an seinem Gegenüber ausdrückt. Die Arme sind verschränkt und schützen seinen Oberkörper vollkommen, seine Füße stehen fest auf dem Boden und dennoch wirkt er, als würde er jeden Augenblick von seinem Sitzplatz aufspringen wollen. Der Fremde bemerkt das und wirft einen abschätzenden Blick auf die leere Kaffeetasse vor seinem Gegenüber. Nur einen Augenblick später zieht der Blonde die Aufmerksamkeit seiner Umgebung auf sie beide.


„Hey, Schätzchen, ich weiß ja, du hast viel zu tun, aber wie wäre es, wenn du meinem neuen Freund hier noch einen Kaffee bringst?“

Als die Kellnerin an den Tisch kommt und tatsächlich Kaffee nachschenkt, spannt sich der Dunkelhaarige augenblicklich noch ein Stück mehr an und wirft seinem Gegenüber einen fast vernichtenden Blick aus seinen schwarzen, sonst ausgesprochen unruhigen Augen zu. Der Fremde lächelt nur nonchalant, bezahlt den Kaffee und wendet sich dann wieder dem Dunkelhaarigen zu. Für einen Moment sieht es aus, als würden die Männer ein Duell ausfechten, wer wen länger anstarren kann. Der Dunkelhaarige gibt nach und spielt wieder sein Desinteresse vor. Noch immer sagt er nichts.

„Gern geschehen.“ Dann: „Es wird dich sicher nicht umbringen, den Kaffee zu trinken, mein Freund. Auch wenn er schmeckt wie durch den Abfluss gegossen.“
„Ich bin nicht Ihr Freund. Und ich brauche Ihre Almosen nicht.“
„Du kannst ihn auch stehen lassen und wieder raus in den Regen gehen und den Platz jemanden überlassen, der hier Kunde sein will. Ist mir vollkommen egal.“
„Wer sind Sie überhaupt, dass Sie mich wieder rauswerfen wollen? Sind Sie so 'ne Art Türsteher?“
„Seh ich vielleicht so aus? Und ich will dich doch nicht rauswerfen, mein Freund. Ich wollte nur nett sein. Aber da du das nicht willst... “


Nicht nur, dass der Dunkelhaarige nun erstmals spricht, nein. Das Duell zwischen den beiden Männern verlagert sich nun auf eine andere Ebene. Der Fremde fordert sein Gegenüber regelrecht heraus und greift nach der Kaffeetasse, ohne dabei den Blick von ihm zu wenden. Für einen Augenblick zögert der Dunkelhaarige, dann schießt seine Hand blitzschnell nach vorn und umklammert die Kaffeetasse. Das ist eindeutig mehr eine Trotzreaktion als etwas anderes und das entgeht dem Fremden nicht.

„Du stellst dich ganz schön an, hat dir das schon mal jemand gesagt? Aber wenn du unbedingt deine Ruhe willst? Allerdings bin ich mir sehr sicher, dass wir uns bald wieder sehen werden. Mein Freund.“



Der Fremde lächelt und steht schließlich auf, um den Coffeeshop wieder zu verlassen nach diesem kurzen Geplänkel, eine Zigarette im Mundwinkel. Draußen wirft er einen Blick nach oben, nur um festzustellen, dass der Regen wieder stärker geworden ist. Der Dunkelhaarige wirft ihm einen misstrauischen und gleichzeitig verständnislosen Blick nach. Die Blicke des Anderen nur Momente zuvor jagen ihm immer noch kalte Schauer den Rücken herab. Was bleibt, ist eine Kälte, die er auch mit dem Kaffee nicht vertreiben kann. Also steht er nach einigen Minuten auf und verlässt ebenso den Coffeeshop. Dieses Mal wirkt er nicht so unentschlossen und schlägt eine eindeutige Richtung ein. Auf seinem Weg weicht er den wenigen entgegen kommenden Menschen aus und ist in Gedanken versunken. Die Hände vergräbt er in den Jackentaschen und bemüht sich, die feuchte Kälte zu ignorieren.
Mit einem Mal geht alles sehr schnell. Über dem Dunkelhaarigen wird Flugzeuglärm lauter und wie alle anderen wendet er seinen Blick nach oben. Eine Passagiermaschine stürzt ab und jedem von ihnen wird klar, dass sie auf sie stürzen wird, wenn sie nicht laufen. Der Mann zögert nur für den Bruchteil einer Sekunde und rennt dann los. Jetzt sieht er nicht mehr erschöpft aus – in seinem Gesicht spiegelt sich eine Wildheit wider, die zeigt, dass seine Instinkte jetzt seine Reaktionen leiten. Im Gegensatz zu den Menschen um ihn herum verfällt er nicht in panisches Schreien, sondern läuft. Der Lärm ist mittlerweile unerträglich laut und sagt dem Dunkelhaarigen, dass er schneller laufen muss. Die Kraft für den Sprint nimmt er von seinem Überlebenswillen, auch wenn ihm mit einem Mal klar wird, dass er nicht überleben wird. Er läuft weiter, wendet sich nur kurz um, um zu sehen, wie die Nase der Maschine abbricht und mit einer rasenden Geschwindigkeit auf ihn zu kommt und ihn zu zermalmen droht. Das Metall reißt den Asphalt auf und als es nur kurz hinter ihm ist, gerät er ins Straucheln. Dann spürt er das Metall und weiß, dass er sterben wird. Und dann ist alles vorbei.
Dennoch. Der Dunkelhaarige steht noch und auf seinem Gesicht steht deutlich die Verwirrung darüber geschrieben. Er sieht an sich herab, sieht keinerlei Verletzungen, sieht aber dafür, dass die Nase des Flugzeugs einige hundert Meter entfernt von ihm zum Stillstand gekommen ist. Noch ist ihm nicht klar, dass er tot ist. Erst als der Fremde auftaucht und ihn mit einem eiskalten Lächeln bedenkt, wird er wieder misstrauisch und gleichermaßen nervös. Er spürt, dass er aus dieser Situation nicht herauskommen wird, will es aber noch nicht wahr haben.


„Was zum Teufel ist hier eigentlich los?!“
„Du bist gerade gestorben und das ist das Tor, durch das du gehen wirst. Die Hölle erwartet dich, Sünder!“


Eine mehr als deutliche Antwort. Der Fremde, womöglich ein Dämon, so denkt er, zieht ihn mit sich durch das Tor. Erst umschließt ein undurchdringlicher Nebel sie, dann sind alle Schreie und der Geruch von Feuer und brennendem Fleisch verschwunden. Was bleibt, ist eine bizarre Welt, die sich allen Regeln der Logik widersetzt und den Dunkelhaarigen aus dem Konzept bringt. Geradezu bereitwillig lässt er sich zu dem einzigen Gebäude weit und breit mitnehmen, ohne zu begreifen, was ihn erwartet. Erst in seinem Innern, bei der Geräuschkulisse von Schreien und undefinierbaren Lauten, wird ihm bewusst, wo er ist. Die Angst ist ihm deutlich anzusehen und seinen Begleiter scheint das über alle Maßen zu befriedigen. Als zwei Höllenhunde ihnen entgegenspringen, weicht er wieder zurück, ungläubig, entsetzt. Den Fremden interessiert das nicht. Er weist ihm den Weg in die Folterkammer und wirft die Tür hinter ihnen beiden zu. Der Dunkelhaarige weicht in die äußerste Ecke zurück, bevor er brutal in die Mitte des Raumes geschleudert und schließlich angekettet wird. Nur langsam fängt er an zu begreifen, wo er ist und was auf ihn zukommt. Und nur einen Augenblick später wird ihm klar, dass das, was der Fremde, der mittlerweile eine unaussprechliche Gestalt angenommen hat, mit ihm vor hat, noch weitaus schlimmer ist.
Mit einem Mal erinnert sich der Dunkelhaarige an Dinge aus seinem Leben, an die er eigentlich niemals wieder erinnert werden will. Er erinnert sich an seine Familie – seinen Vater, seine Brüder, seine untätige Mutter. Als die ersten Schläge auf ihn niederprasseln, schreit er unweigerlich auf und stemmt sich gegen die Ketten. Für einen Augenblick ist es weitaus weniger schlimm, in direktem Körperkontakt mit seinem Folterknecht zu sein. Viel schlimmer ist die nicht endende Folter und die Erinnerungen, die sich immer wieder wiederholen. Mit der Zeit verschwimmt seine Wahrnehmung, was noch real ist und was nicht. Und irgendwann sind die Erinnerungen so stark, dass seine Knochen wieder und wieder brechen und die alten Wunden aufreißen. Nach einer Zeitspanne, die dem Dunkelhaarigen wie eine Ewigkeit erscheint, wartet er nur noch auf die Schmerzen. Als sie schließlich nicht kommen und er stattdessen zu Boden stürzt, weil die Ketten gelöst werden, versteht er gar nichts mehr.
Eine ganze Weile liegt er nur da, versucht Realität und Erinnerung voneinander zu trennen, bevor er überhaupt versuchen kann, wieder auf seine Beine zu kommen. Seine Schultern schmerzen bei jeder Bewegung, genau wie seine Knie, aber er gibt nicht auf. Nach und nach schafft er es auch auf die Beine. Er schwankt und spannt alle Muskeln an, um nicht wieder zu Boden zu stürzen. Der Fremde – der Dämon – kommt auf ihn zu, klatscht in die Hände und beugt sich ihm verschwörerisch näher.


„Du weißt, was dir passiert ist. Ich bin mir sehr sicher, dass du dich an jede Sekunde erinnerst. Das waren bisher nur zweihundert Jahre. Das ist nicht einmal ein Viertel der Zeit, die noch vor dir liegt und ich bin gerade erst warm geworden. Und jetzt frage ich dich: willst du, dass das weiter geht? Willst du es weiter ertragen und irgendwann zerbrechen, den Verstand verlieren oder einfach nur als ein bemitleidenswerter Haufen Scheiße enden? Oder willst du von der Folterbank runter? Willst du Macht? Und die Möglichkeit zur Rache an denen, die dich in deinem Leben gepeinigt haben? Ich biete dir das nur einmal an. Willst du ein Dämon sein?“
„Meinst du das wirklich ernst? Ich meine... natürlich will ich ein Dämon sein! Ich will nicht wieder gefoltert werden!“
„Ich würde es dir gar nicht anbieten, wenn es nicht mein Ernst wäre. Greif zu und ich verspreche dir, dass du in Zukunft auf der anderen Seite der Folterbank stehen wirst.“
„Geschäfte mit einem Handschlag besiegeln? Ganz wie zu Lebzeiten.“
„Was gibt es ehrlicheres als einen Handschlag?“
Dann: „Das wird jetzt noch einmal richtig wehtun. Aber wir müssen alle mal Opfer bringen… mein Freund.“ Der Dämon reißt ihm das Herz aus der Brust und hält es ihm entgegen.

„Du willst ein Dämon werden? Dann vergiss deine Menschlichkeit. Iss. Oder verrecke hier. Wenn du wirklich ein Dämon werden willst, dann musst du es alleine schaffen. Von hier aus kann dir niemand mehr helfen.“



Niccy, Donnerstag, 11. Juli 2013, 20:02 Uhr

*weiterglubscht* Wollt' nur gugg'n, ob du du bis' und wenn'u du bis', dann freu ich mir, dassu hier bis' ... ...und so.
Und ja. Ich KANN auch normal schreiben xD Immer noch.

Niccy, Donnerstag, 11. Juli 2013, 19:51 Uhr

*glubscht*